Die Übergabe · 3Perspectives

Donnerstag, 27. August 2026 · Lesezeit unter drei Minuten

Die Erhöhung steht in Prozent. Ausgeliefert wird in Monaten.

Der Vermerk

Seit gestern läuft eine gute Nachricht durch die Fachpresse, auch durch die ahgz: Die Tariflöhne steigen dieses Jahr stärker als die Preise. Das WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung rechnet mit 3,1 Prozent nominal bei 2,4 Prozent Verbraucherpreisen im ersten Halbjahr. Bleibt ein Reallohnplus von 0,7 Prozent, für über 15 Millionen Tarifbeschäftigte.

Die Zahl stimmt. Sie ist nur nicht die Zahl, die Ihre Leute auf dem Lohnzettel sehen.

Das Verdikt ✔ belegt, und trotzdem missverständlich

In derselben Auswertung steht ein Satz, den keine Schlagzeile mitgenommen hat:

  Die Tarifvereinbarungen des ersten Halbjahres weisen „eine durchschnittliche Abschlussrate von 5,6 Prozent bei einer durchschnittlichen Laufzeit der Verträge von 25,9 Monaten" auf.

Verhandelt werden also 5,6 Prozent. Im Jahr ankommen 3,1. Der Rest ist nicht verschwunden, er ist gestreckt. Ein Tarifabschluss ist insofern ein Duschkopf mit Durchflussbegrenzer: Aufgedreht wird ganz, und unten kommt an, was der Hersteller vorgesehen hat.

Am eigenen Gewerbe lässt sich das ablesen. Im baden-württembergischen Gastgewerbe haben DEHOGA und NGG am 12. Januar 2026 vereinbart: 3,5 Prozent ab April 2026, weitere 3,5 Prozent ab Januar 2027, 2 Prozent ab September 2027, Laufzeit bis 31. März 2028. Neun Prozent auf dem Papier. Im Kalenderjahr 2026 wirken davon 3,5 Prozent für neun Monate, macht 2,6 Prozent Jahreswirkung. Die Preise stiegen im selben Zeitraum um 2,4.

Und der Durchschnitt hilft Ihnen ohnehin nur begrenzt. Ein Mittelwert über 15 Millionen Beschäftigte sagt über Ihre Rezeption ungefähr so viel wie die Durchschnittstemperatur Deutschlands über die Heizung in Zimmer 214.

Die Handlung

Rechnen Sie Ihre nächste Erhöhung in Jahreswirkung um, bevor Sie sie ankündigen, nicht in Abschlusshöhe. Ihre Leute rechnen nämlich genau so: Was ist diesen Monat mehr drauf.

Rechenbeispiel, keine Messung. Eine Rezeptionskraft mit 2.800 Euro brutto. 3,5 Prozent ab April sind 98 Euro mehr im Monat, aber nur für neun Monate. Über das Jahr gemittelt sind das 73,50 Euro. Um die 2,4 Prozent Preissteigerung auszugleichen, hätte es rund 67 Euro gebraucht. Bleiben gut sechs Euro, die als echter Zugewinn ankommen.

Sechs Euro sind der Abstand zwischen „wir haben erhöht" und „ich merke es". Wenn Sie 25 Euro brutto im Monat darauflegen, kostet Sie das mit Nebenkosten grob 365 Euro im Jahr und Kopf. Für 27 Mitarbeiter kostet dieser Aufschlag im Jahr also ungefähr so viel wie eine einzige Wiederbesetzung, die ich mit rund 10.000 Euro rechne.

Ob die Rechnung bei Ihnen aufgeht, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie sich aufstellen lässt, und zwar vor dem Gespräch statt danach. Nehmen Sie Ihre Zahlen, nicht meine.

Quellen: WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 25.08.2026, Halbjahresbilanz der Tarifrunde 2026 unter Leitung von Prof. Dr. Thorsten Schulten, Stichtag 30.06.2026, berücksichtigt Neuabschlüsse des ersten Halbjahres und in Vorjahren bereits für 2026 vereinbarte Erhöhungen: 3,1 Prozent nominal, 2,4 Prozent Verbraucherpreise im ersten Halbjahr, 0,7 Prozent real, zum Vergleich 2,6 Prozent im Gesamtjahr 2025, über 15 Millionen erfasste Beschäftigte, sowie wörtlich „eine durchschnittliche Abschlussrate von 5,6 Prozent bei einer durchschnittlichen Laufzeit der Verträge von 25,9 Monaten" · aufgegriffen von der ahgz am 25.08.2026 · Tarifeinigung im baden-württembergischen Gastgewerbe zwischen DEHOGA Baden-Württemberg und NGG vom 12.01.2026: 3,5 Prozent ab April 2026, 3,5 Prozent ab Januar 2027, 2 Prozent ab September 2027, Laufzeit bis 31.03.2028 · die Jahreswirkung 2026 und das Rechenbeispiel sind meine eigene Umrechnung aus diesen belegten Werten, keine erhobenen Zahlen · die Wiederbesetzungskosten von rund 10.000 Euro sind eine 3Perspectives-Kalkulation, keine Studie. Einordnung aus der Betriebspraxis. Kein Rechtsrat.
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